Finnischer Tango – Geschichtliche Entwicklung und stilistische Merkmale

Der im 19. Jahrhundert in den südamerikanischen Hafenstädten Buenos Aires und Montevideo am Mündungsdelta des Rio de la Plata entstandene Tango kam Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa. Bald avancierte er zum beliebten Mode- und Schautanz durch Auftritte zahlreicher südamerikanischer Musiker und Tänzer in den Salons und Bars der europäischen Großstädte. Nach und nach begann man auch Tangos in Europa zu komponieren. So erhielt jedes Land seinen „eigenen“ Tango, der - wegen Fehlen des starken argentinischen Vorbilds - seine Charakterzüge durch eigene rhythmische und melodische Adaptionen und Weiterentwicklungen bekam.

Unter dem folgenden Link finden Sie die ganze Geschichte des Finnischen Tangos:



Tango im Hotel Börs 1913
In Finnland bekam man den Tango das erste Mal 1913 in Helsinki im Hotel Börs zu hören und zu sehen, als ein dänisches Tanzpaar der Gesellschaft den neuen Modetanz vorführte. Die meisten Tangos, die in den 20er und 30er Jahren im Land aufgeführt wurden, waren ausländischen Ursprungs. Neben argentinischen Tangos standen auf dem Repertoire finnischer Tanzorchester insbesondere Tangos aus Deutschland, die sich allerdings vom ursprünglichen Tango Argentino wesentlich entfernt hatten. Die rhythmische Leichtigkeit und musikalischen Variationen des Tangos hatten sich zu einem schweren, der Marschmusik ähnlichen, gleichmäßigen Rhythmus gewandelt. Gerade der "hämmernde" Rhythmus ist als eines der Merkmale des finnischen Tangos geblieben.

Im Finnland der 30er Jahre zählte Tango deutlich zur urbanen Musik. Die Landbevölkerung bevorzugte ältere Tanzmusik, wie Walzer, finnische Jenkkas und Polkas, was sich auch in den Schallplatten- und Notenpublikationen zeigte.

In der Kriegszeit fand der Tango seine finnische Seele
Die Kriegszeit wird als bedeutende Umbruchphase in der Entwicklung des finnischen Tangos angesehen. Die Kontakte nach Deutschland wurden abgebrochen, was zu Änderungen nicht nur in der Produktion von Tonaufnahmen sondern auch in der Musik führte: Der Tango nahm immer mehr finnische Züge an. Zu jener Zeit wurden die Meilensteine der finnischen Tangomusikgeschichte komponiert, wie "Syyspihlajan alla" (Unter der herbstlichen Eberesche, Komp. Arvo Koskimaa) und "Liljankukka" (Lilienblume, Komp. Toivo Kärki).

Die Popularität des finnischen Tangos nahm im Nachkriegsfinnland kontinuierlich zu. In den 40er Jahren war fast jeder zweite beliebte Schlager ein Tango. Zu Beginn der 50er Jahre fasste er auch in den ländlichen Gegenden Fuß durch den Einzug der immer beliebter werdenden Tanzbühnenkultur und verdrängte die alten finnischen Jenkkas und Humppas. Nie hat es in Finnland mehr Tanzbühnen und -dielen gegeben als in den 50er Jahren, und der Publikumsstrom riss nicht ab. In jedem Dorf betrieb der örtliche Sportverein oder eine Dorfvereinigung eine eigene Tanzbühne, auf der die populären Tango- und Schlagerstars auftraten.

Finnischer Tango erlebt starke Konkurrenz durch die Beatles
Am Anfang der 60er Jahre erlebte Finnland in der Geschichte seiner Unterhaltungsmusik eine der weitgreifendsten Wenden: 1961 überstieg der Verkauf der Importplatten zum ersten Mal den der einheimischen Plattenproduktion, und das Volk - vor allem die ältere Bevölkerung - zog in den Kampf für die inländische Musik. Den Anstoß dafür gab die 1962 erschienene Interpretation von Reijo Taipale vom Tango "Satumaa" (Märchenland) von Unto Mononen (1930-1968), der im November des gleichen Jahres die Verkaufscharts eroberte. Dies war der Beginn einer Tangomanie, die bis Ende des Jahrzehnts dauerte und während der mehr finnische Tangos komponiert und aufgenommen wurden als je zuvor. Zur gleichen Zeit wetteiferte die britische Popmusik mit den einheimischen Tangos um die Spitzenplätze der finnischen Charts. Zum Beispiel waren 1963 „All my loving" von den Beatles und der von Reijo Taipale aufgenommene Tango "Tähdet meren yllä" (Die Sterne über dem Meer) die meist verkauften Songs in Finnland. Neben den Beatles musste sich der Tango gegen die neue "Stahldrahtmusik" (volkstümlich für E-Gitarrenmusik), die inzwischen auch Finnland erobert hatte, behaupten.

Das Comeback des Tangos in den 90er Jahren
Nach dem Erfolg in den 60er Jahren hat der finnische Tango sein Dasein vor allem in den Tanzlokalen und auf den Tanzbühnen fortgesetzt. Durch das Abflauen des Tangobooms nahm auch die Begeisterung der Komponisten für das Komponieren von Tangos ab. Folglich waren die alten Tangos noch immer auch die beliebtesten. Von den neuen Tangos der 70er Jahre konnte etwa nur der "Nuoruustango" (Jugendtango, 1974) von Kaj Chydenius einen Platz unter den Spitzentangos erreichen. In den 80er Jahren widmete sich eine Stilrichtung der Suche nach Anregungen aus der Heimat des Tangos, aus Argentinien. Argentinische Orchester traten in Finnland auf und u. a. der bekannte finnische Tangosänger Eino Grön hat in Argentinien mit dortigen Musikern Platten aufgenommen.

Sein Comeback erlebte der finnische Tango in den 90er Jahren. Das allgemeine Interesse an der jüngsten Vergangenheit und die damit verbundene Nostalgiewelle brachten mehrere Filme, TV-Programme und Artikel hervor, in denen der Tango eine wichtige Rolle spielte. Ebenfalls lockt das Tangofestival in Seinäjoki jährlich Zigtausende in die Stadt zum Tangotanzen, und die Tangoplatten verkaufen sich in Finnland von Jahr zu Jahr gleich bleibend. Auch finnische Kultur- und Musikwissenschaftler haben sich mit Eifer mit diesem faszinierenden Phänomen der traditionellen finnischen Schlagermusik befasst, was die Stellung des Tangos als Teil der finnischen Musikkultur weiterhin gefestigt hat.

Die Liebe und die Sehnsucht nach Liebe
Das eigentlich Finnische des Tangos - finnische Originalität und Identität - ist insbesondere in den Texten zu erkennen, denn die musikalischen Charakterzüge finnischer Tangos setzen sich aus einer Mischung aus russischen, afroamerikanischen und mitteleuropäischen Elementen zusammen.

In den finnischen Tangos geht es meistens um die Liebe oder vielmehr um Mangel an Liebe. Das lyrische Ich eines Tangos - fast ohne Ausnahme ein Mann - hat seine Geliebte verloren, leidet an Einsamkeit und hat den Kopf voller melancholischer Gedanken. Sein Gemüt ist verzweifelt und er sehnt sich nach der vergangenen Zeit ohne Sorgen. Nostalgie bzw. Sehnsucht heißt das Schlüsselwort des finnischen Tangos.

Die Sehnsucht nach der Geliebten und der Zeit der Verliebtheit wird jedoch ohne Sentimentalität und Eskapismus dargestellt, welche dagegen für andere europäische Tangos typisch sind. Während der Tango Argentino deutlich ein Teil der urbanen Kultur ist und dessen Schauplätze verruchte Kneipen und „cafetínis“ der Hafenstädte sind, ist der finnische Tango häufig auf dem Lande und in der Natur zu Hause.

Sehnsucht nach einem Paradies
Die Sehnsucht nach einem Paradies ist neben der Liebe ein wichtiges Thema in der finnischen Tangolyrik. Die Sehnsucht kann sich auf einen konkreten Ort, d. h. auf ein anderes Land richten, das einem Wohlstand, Abenteuer und ein glücklicheres Leben beschert. Das Eldorado kann aber auch etwas Abstraktes sein, zum Beispiel ein Paradies, in dem man die Erfüllung der Liebe erfährt, oder der Himmel als Wiege des Friedens.

An den Wurzeln der finnischen Volksdichtung
Die finnische Tangolyrik kann als Kontinuum der finnischen Volksdichtung - Kalevala und Kanteletar - analysiert werden. Miteinander sind die Tangos und die Volkspoesie über Themen und Metaphern zu verknüpfen. Die wichtigsten Metaphern sind dem Kreislauf der Natur entlehnt worden. Die verschiedenen Jahreszeiten, Tiere - insbesondere Vögel - und Pflanzen drücken in den Tangos dasselbe aus wie in der Volksdichtung. Das Finnische und die finnische Mythologie heben sich in den Texten der Tangos auch durch sprachliche Formulierungen hervor, deren Existenz und Bedeutung nur für die Finnen relevant ist.

Kunst der Männer
Der finnische Tango wird immer gesungen und nach Tradition ist der Interpret ein Mann. Einige von ihnen sind in die Geschichtsbücher der finnischen Unterhaltungsmusik als Tangosänger eingegangen, obwohl ihr Repertoire zum größten Teil aus anderer Schlagermusik bestand. Der „ungekrönte Tangokönig Finnlands“ ist Olavi Virta (1915-1972), der als der bemerkenswerteste Solist des finnischen Schlagers angesehen wird. Der Höhepunkt seiner Karriere waren die 50er Jahre, die Blütezeit der finnischen Tanzbühnen. Um die Gunst des Tangovolkes wetteiferte mit Virta auch Henry Theel (1917-1989), der Ende der 40er Jahre der beliebteste finnische Schlagersänger war. Erstaufnahmen vieler Tangos sind eben von Theel interpretiert. Als Nachfolger von Virta und Theel und echte Interpreten der finnischen Seele gelten die noch aktiven Sänger Eino Grön (1939-) und Reijo Taipale (1940-), die ihren Durchbruch als Schlagerstars im Zuge des finnischen Tangobooms der 60er Jahre erlebten.

Das Tangofestival
Das jährlich in Seinäjoki stattfindende Tangofestival zeugt von der Tango-Besessenheit der Finnen. Die erste Veranstaltung wurde 1985 ausgerichtet, und im Laufe der Jahre ist das Tangofestival zu einem der größten finnischen Publikumsfeste avanciert. Das erste Festival lockte ca. 18 000 Freunde des Tangos an, 1999 konnte man schon 130 000 Besucher zählen. Im gleichen Jahr wurde auch der millionste Gast seit Beginn des Festes begrüßt.

Von Anfang an ist das Hauptereignis des Tangofestivals der Tangogesangswettbewerb, bei dem - abgesehen von einigen Anfangsjahren - aus unzähligen Kandidaten und Kandidatinnen ein Tangokönig und eine Tangokönigin gekürt werden. Fernsehen und Medien haben das Ereignis weltweit publik gemacht. Der Gewinn verheißt den Teilnehmern Berühmtheit über Nacht und Reputation und Erfolg auf finnischen Tanzbühnen mindestens für ein Jahr, einen Plattenvertrag sowie viele Fans in ganz Finnland. Viele ehemalige Titelträger haben nach ihrem „Königsjahr“ ihre Karriere erfolgreich fortgesetzt, oft jedoch in einer anderen Sparte der Unterhaltungsmusik.



Das jährlich stattfindende Tangofestival im finnischen Seinäjoki hat sich im Laufe seiner mehr als 20-jährigen Geschichte zu einem der größten Publikumsereignisse des Landes entwickelt und die finnische Unterhaltungsmusik maßgeblich beeinflusst. Der wichtigste Teil des Festivals ist der Gesangswettbewerb, der schon etlichen neuen Stars als Karrieresprungbrett gedient hat. Auch der Wettbewerb für Komponisten und Textdichter bringt jährlich eine große Anzahl neuer Stücke hervor, von denen einige die Chance haben, ein Evergreen zu werden.

Durch das Tangofestival wurde das Interesse an der traditionellen finnischen Tangokultur in Finnland wieder geweckt, und heute erfreut sich der Tango im ganzen Land großer Beliebtheit. Nicht nur passionierte Tänzer lieben ihn, sondern auch die Wissenschaft ist auf ihn aufmerksam geworden und hat den finnischen Tango interdisziplinär analysiert. So hat das Tangofestival mit seiner Qualität zum Ansehen der finnischen Populärkultur beigetragen.

WeitereTangoveranstaltungen

Snow Tango, Tampere

Ob Schnee oder Frost, in Tampere findet die Weltmeisterschaftswettbewerb Anfang Februar statt. Meistens macht auch der Weihnachtsmann mit!

Welttango, Tampere

Ende September bietet Amigos del Tango –Verein eine vielseitige Veranstaltung un den argentinischen Tango herum. Klubs, Tanzkurse, berühmte Ochester und Tanzgruppen.

Quelle: Informationszentrum der finnischen Musik
© Jutta Jaakkola 2000



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